Texte

Kieler Nachrichten vom 08.10.2015 über die Einzelausstellung "Viertel vor sieben"

Bleib doch zu Hause!

 

Ute Diez gehört für mich zu den wirklich großen künstlerischen Entdeckungen der letzten Jahre. Denn ihre Arbeiten sind von einem tiefen Nachdenken über Wesen, Funktion und Status der aktuellen Kunst geprägt. So hat sie gemeinsam mit Robin Romanski im öffentlichen Raum per neuem Verkehrszeichen „Künstlerparkplätze“ ausgewiesen, die Schwimmhalle am Lessingplatz durch einen Schriftzug in „Doris-Lessing-Bad“ umbenannt oder davor ein dreieckiges „Kunstfundament“ gelegt. In der Stadtgalerie stellte sie ein Klassenzimmer nach, um mit dem Publikum die alte Frage: Was ist Kunst? zu diskutieren. Am eindringlichsten fand ich ihre Land Art-Installation im Botanischen Garten 2008: In Analogie zu den dortigen Pflanzenschildern hat sie 50 Tafeln mit Stammesnamen der „First Nations“ in der amerikanischen Landschaftszone aufgestellt, deren Platzierung sich aus der Projektion einer Verbreitungskarte indigener Völker auf den Gartengrundriss ergab. Vordergründig harmlos, doch ethnologisch rigide und als imaginäre Grabsteine ausgerotteter Ureinwohner kaum erträglich, sprach daraus die ganze koloniale Obszönität.

 

Heute nun stehen wir inmitten einer umfassenden Umgestaltung des funkwerk-Flurs. Ute Diez hat den realen Sofa- und Küchenbereich dieser geschäftigen Arbeitswelt in eine artifizielle „Kunstschachtel“ verwandelt, in einen imaginären und stark assoziativen Wahrnehmungsraum. Das allein schon ist eine mächtige Setzung, die in der künstlerischen Vereinahmung ihres Umraums und der Allseitigkeit des visuellen Geschehens eine besondere Totalität der Wirkung entfaltet. Sie beruht nicht länger auf der vorsichtigen Einspeisung von Kunst in die reale Welt, sondern auf der restlosen Durchdringung der hier vorgefundenen Realität mit künstlerischen Bildwelten. Aus diesem Zusammenspiel räumlich inszenierter Möbel und Wohnaccessoires, altertümlicher Holzrahmen und segelartig fragiler Zeichnungen, realer, jedoch in Kunst eingeschlagener Bücher, bezeichneter Taschentücher oder eines geknüpften Frauenporträts erwächst eine persönliche Bildgeschichte, deren Grundmaterial gleichzeitig aus Möbelhaus, Flohmarkt und Atelier stammt.

 

Eine Ausstellung von Ute Diez beginnt immer schon mit dem Titel. Er ist integraler Bestandteil, liefert eine inhaltlich mehrdimensionale Überschrift und erzeugt bereits im Wortklang ein unbestimmtes Gefühl. So zielt das energische „Bleib doch zu Hause!“ auf ein Bedeutungsfeld, das um die zunächst paradox klingende Verbindung von öffentlicher Kunstausstellung und privatem Refugium kreist. Die Künstlerin bringt uns die Kunst gleichsam nach Hause, indem sie ihre Werkpräsentation schlicht in ein Zuhause verwandelt und mit ihrer für diesen Ort konzipierten Rauminstallation aus Regal, Couchtisch, Buchauswahl und sogar Fernseher ein anheimelndes Ambiente anzitiert, das unmittelbar verständlich an unsere kollektive Erinnerung appelliert. Wir stehen also inmitten einer Kunst, die die ästhetische Distanz zum Leben auf ein Minimum einschrumpft. Diese künstlerische Arbeitsweise erweist sich im Sammeln, Verwandeln und Nachbilden als Spurensuche nach Erscheinungsformen von Heimat, denn Heimat bedeutet eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Zugleich spielt der Titel auf den Kunstbetrieb selbst an, denn oft genug bleiben potentielle Besucher lieber in den eigenen Vierwänden.

 

Was ich persönlich an Ute Diez besonders schätze, ist diese feste Verbindung eines komplexen künstlerischen Konzepts mit der manuell sinnlichen Präsenz ihrer Arbeiten. Allzu oft erlebt man hochtrabende Überbauten, die auf wackeligen Stelzen banal designter Bildchen stehen. Ute Diez verschränkt in ihren Zeichnungen zwei verschiedene Bildmethoden zu einer neuen, stark narrativen Einheit, in der sie gegenständliche Wiedergabe und geschriebene Textpassage als zwei gleichberechtigte, einander hinterfragende Möglichkeiten des bildnerischen Ausdrucks und vor allem der visuellen Wirklichkeitsaneignung vorführt. Ihre Arbeiten prägen klare kompositionelle Ordnung, dominantes Schwarzweiß — auch wenn heute der Farbstift dazu treten kann —, figürliche Darstellung sowie eine schwellende, schön ruppige Schriftführung. Locker hingeschriebene Lineaturen verdichten sich zu zarten Figurationen, klassischen Landschaften, türkischen Marktszenen, einer Kilia mit Grammophon oder einem Bildnis von Johnny Depp. Immer wieder konfrontiert sie Paare aus zwei unterschiedlichen Sphären, den realen Spiegel mit zwei gezeichneten oder Bildkacheln des Bäckerhandwerks mit ihrer manipulierten Reproduktion. Auch den geschnitzten Rahmen liefert sie zeichnerisch in einer Art Kunstporträt mit, so dass hier Urbild und Abbild mehrfach aufeinander treffen.

 

Am Anfang ihrer charakteristischen Schriftbilder stand die persönliche Einsicht, dass nicht alle Informationen in die klassische Zeichnung eingehen. Sie sah deren Unzulänglichkeit, die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Welt in rein bildnerischen, letztlich immer abstrakten Zeichen einfangen zu können, misstraut wie viele ihrer jungen Künstlerkollegen einer nonverbalen, subjektiven und oftmals um sich selbst kreisenden artifiziellen Bildsprache. Den direkten Anstoß gab die Diskussion um die Schließung der Kieler Stadtgalerie: Ute Diez reichte 2010 für die dort stattfindende Landesschau den „Pressesprecher“ ein, eine aus geschriebenen Wortsequenzen — Zitaten aus den Reden von Oberbürgermeister Albig zur aktuellen Finanzlage der Stadt Kiel — entwickelte Darstellung der bekannten Bronzeskulptur des Asmus Bremer. In der Folge kamen ganz unterschiedliche Texte dazu, hier Reden indianischer Stammesführer, die ebenfalls im Thema gebunden sind, da sie von Identität, Heimat und deren schmerzlichem Verlust handeln, deutsche und türkische Redewendungen aus einem Sprachführer — Muttersprache als neuerlicher Indikator von Heimat — oder theoretische Äußerungen von Joseph Beuys. Alle Textvorlagen sind übrigens hier versammelt.

 

Ute Diez sucht in der Übersetzung politischer, lyrischer oder auch philosophischer Texte in zeichenhafte Bilder den befreienden Ausgangspunkt für einen zeichnerischen Neuanfang, für ihr individuelles Zeichnen mit Buchstaben als Linien und Worten als Strichgeflechten. Sie findet ihn in einer inhaltlichen Alphabetisierung des Bildes, die auf einen neuen Grad an Realismus abzielt, in einer fein gekritzelten, schleifenförmig rotierenden, damit bildnerisch wirksamen Schreibschrift, die sich einerseits ganz dem vitalen Gestus der zeichnenden Hand anheim gibt, andererseits die filigranen Notate zu klar arrangierten, dem Textthema oftmals gemäßen Motiven verdichtet, und — wie im Falle türkischer Frauen — auch deren Sprache benutzt. Hinter der Ebene des Bildes scheint in näherer Betrachtung eine zweite Ebene auf, diejenige des grafischen Zeichensystems unserer phonetischen Lautschrift, die uns zusätzlich den semantischen Raum erschließt, als kulturelle Verabredung objektiv erscheint und weitere Fragen nach gesellschaftlichen, politischen oder moralischen Zusammenhängen aufs Papier bringt. Bedeutender als die suggerierte Lesbarkeit erweist sich für das neue Diezsche Bild allerdings der grafische Wert dieser individuellen Kalligraphie.

 

Die Textbedeutung dieser Schriftbilder kann man nur aus einzelnen lesbaren Fragmenten erahnen und zu den Bildmotiven in Beziehung setzen. Und diese bildinterne Vielschichtigkeit reflektiert die real existente, durchaus widersprüchliche Vielfalt der Welt. Bei Ute Diez weitet sich die gemischt mediale Bild-Text-Präsentation zu einer ungewöhnlich exzessiven Zeichengestik des Wortes aus, die sich dabei den Charakter spontaner Skizzen bewahrt: Weniger abgeschlossene Bildfelder denn fragile Schriftrollen, sind die Blätter flott gezeichnet und von einer verknappten, bewusst kindlichen bis ungelenken Delikatesse. Allerdings steht die eindeutige Künstlerhandschrift hier nicht im Vordergrund, das zeigt etwa die gemeinsam mit ausländischen Studenten aus Märchenstoffen in der jeweiligen Landessprache gefertigte Arbeit mit der Märchenerzählerin Angela Merkel.

 

Stets erprobt die Künstlerin, inwieweit die Wirklichkeit in den vieldeutigen Zeichen von Bild und Text eingeschlossen ist. Diese Ausstellung zeugt abermals von Ute Diez´ Credo: „Meine Arbeiten sind ein Versuch, der Komplexität der Welt nicht nur zu begegnen, sondern sie auch anzunehmen und sie auszuhalten, ohne sie auf reduzierte Symbolismen festzulegen und einzugrenzen.“

 

 

Jens Martin Neumann

Oktober 2012

Wenn das Gegenteil genauso richtig ist, wird ein Behauptungssatz wie dieser ganz schnell überflüssig

 

Was kann die Kunst? Inwieweit taugt Kunst heute eigentlich noch, in die Gesellschaft hineinzuwirken? Diesen unbequemen Frage nachzugehen hat sich Ute Diez in ihren Arbeiten aufgemacht. Natürlich ist ein nicht zu knapper Abstand nötig, aus dem heraus sich an derlei Fragestellungen herangehen lässt – oder anders gesagt: Von Google Earth aus lassen sich manche Zusammenhänge des Weltgefüges deutlich besser erkennen als mit dem Pinsel vor der Leinwand. So kreuzen Ein- und Überblicke die konzeptuelle Grundhaltung von Ute Diez. Für ihre Installation „maybe too late“ (2008) nutzte sie eine geräumige Rasenfläche im „Gebiet Nordamerika“ des Neuen Botanischen Gartens in Kiel, um darauf Steckschilder zu präsentieren, wie sie zur Pflanzenbestimmung üblich sind. Allerdings wurde die typische Pflanzenbeschilderung (Familie/ Gattung/ Art/ Vorkommen/ Status quo) kurzerhand zu einer Menschenbeschilderung nordamerikanischer Indianerstämme umproduziert (Sprachgruppe/ Stamm/ Unterstamm/ Lebensraum/ Status quo). Gut 50 dieser Bestimmungsschilder leuchteten auf den zweiten Blick spektakulär aus dem grünen Amerikarasen heraus. Auch in einer weitere Konzeptarbeit arbeitete sie (zusammen mit Robin Romanski) mit den Möglichkeiten der Schrift; zur Jahresausstellung der Muthesius-Kunsthochschule wurde die Fassendenfront des derzeit stillgelegten Lessingbades genutzt, um die Schwimmhalle kurzerhand mittels großer weißer Foamboardlettern zum „Doris-Lessing-Bad“ (2009) umzuerklären. Welch zweischneidiger Sieg, den die Literatur-Nobelpreisträgerin Doris Lessing gegenüber ihrem übermächtigen Namensepigonen Gotthold Ephraim Lessing hier einmal davontragen darf (denn normalerweise kommen Frauen in den städtischen Namenswürdigungen doch gern zu kurz). Natürlich pochte sofort der Denkmalschutz auf seine Statuten und forderte ein Ende des expliziten Schindluders.

Für „Das Ende der Kunst“ (2008) zerschnitt Ute Diez Arthur Dantos provokanten Aufsatz „Das Ende der Kunst“, zerheckselte die Schnipsel mit dem Pürierstab, gab Wasser bei und schöpfte aus dem so entstandenen Faserbrei ein neues Blatt Papier, welches ausgestellt an der Wand wieder als „Ende der Kunst“ deklariert wurde: Was ist das Papier wert, das sich inhaltlich vom ungeheuerlichen Ende der Kunst nährt? Geradezu mickrig nimmt es sich an der Wand aus – Totgesagte leben länger: für die Kunst galt und gilt das allemal. Bis heute. In „Die zufällige Begegnung einer Zeichnung mit John Cage und der Endlichkeit des Seins“ (2008) nimmt Ute Diez (zusammen mit Finn Rudolph) den eben geschilderten selbstreferentiellen Ansatz ein weiteres Mal auf und treibt ihn diesmal auf die Spitze, indem sie ihre Hand filmen lässt, wie diese auf ein langes Papier zeichnet, welches unmittelbar von einem Papierschredder eingezogen und damit sofort vernichtet wird. Der Akt des Schaffens erscheint wie im Zeitraffer zugleich im Spiegel seiner Zerstörung. Doch Ute Diez nimmt das vom Schredder vernichtete Papier, kauft sich ein Kinderplanschbecken und schöpft aus der Papiermasse des Schredders ein Blatt von 200 cm Bilddiagonale. Dieses Blatt dient nun als Präsentationsvorlage für den Film der gezeichneten Papierzerstörung. Die Botschaft ist herrlich hermetisch, die Rahmenerzählung (das geschöpfte Blatt) spiegelt die Binnenerzählung (wie durch einen zeichnerischen Akt ein Blatt Papier geschöpft werden konnte) wider, eine mise en abyme. WEIL die Kunst vernichtet wird, können wir sie sehen. Ist das so? Weil wir sterben müssen, können wir überhaupt nur leben. Ja das ist so, aber der Umkerschluss ist genauso richtig. Und wenn das Gegenteil genauso richtig ist, wird ein Behauptungssatz wie dieser ganz schnell überflüssig. Eine künstlerische Künstlichkeit wird in „Die zufällige Begegnung einer Zeichnung mit John Cage und der Endlichkeit des Seins“ erzeugt, die Konstruiertheit der Geschichte wird sichtbar und mit ihr das unnahbare Wesen der Kunst überhaupt.

 

Arne Rautenberg

November 2009

 

FREISCHAFENDEKÜNSTLERIN

 

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